In meinem Beauty-Alltag in meinem Store sehe ich jeden Tag Frauen, die nach Perfektion streben. „Was kann ich tun, um noch schöner zu sein? Um noch glatter im Gesicht zu wirken? Wie bekomme ich perfekte Augenbrauen und perfekte Lippen?“ Ich sehe den Wunsch nach einer eine glatten Stirn, oder nach Augenlidern, die korrigiert werden – die Liste ließe sich beliebig fortführen – und frage mich zunehmend: Wann kommen wir in einen Zustand, in dem wir Frieden schließen und uns in unserem Körper und mit unserem Aussehen wohlfühlen? Fakt ist: Immer wird es eine Frau geben, die besser aussieht als man selbst. Die schönere Haare hat, eine reinere Haut, eine bessere Figur, schönere Brüste – weiß der Geier was auch immer.

Eine Dokumentation mit dem Titel “Embrace“ hat mich nachhaltig beeindruckt. Sie erzählt von Taryn Brumfitt, einer Australierin, die nach der Geburt ihrer Kinder entschied, ihr gesamtes Augenmerk auf ihren Körper zu legen, um an einem Bodybuilding-Wettbewerb teilzunehmen. Monatelang ackerte sie im Fitnessstudio, ihre Nahrung kontrollierte sie bis zum Exzess. Am Tag des Wettbewerbs stand sie zwischen all den gestählten Frauen in der Umkleidekabine und glaubte nicht recht zu hören, als alle sich gegenseitig von ihren vermeintlichen Schwachstellen und Fettpölsterchen erzählten. Und sie fragte sich: „Wann soll das aufhören? All diese Frauen sind durchtrainiert und gestählt bis zum letzten – und immer noch nicht zufrieden mit sich. Woran liegt das?“ Taryn Brumfitt begann eine Reise, die sie in viele verschiedene Länder führte. Sie traf Frauen, die schwerste Schicksalsschläge hatten durchmachen müssen: einige waren querschnittsgelähmt, andere hatten Verbrennungen im Gesicht. Was sie von ihnen wissen wollte, war: Was haben diese Frauen aus ihren Erfahrungen gelernt? Und sind sie glücklich?

Sie hat sich diese Fragen gestellt, weil sie selbst Mutter von drei Töchtern ist und sich fragte, ob sie das übliche Bild über Frauen an sie weitergeben wollte: „Du bist nur wertvoll und in der Gesellschaft anerkannt, wenn du bestimmte ideale erreichst.“ Klar, niemand von uns ist völlig frei und könnte mit absoluter Sicherheit sagen, dass sie/ihn keine äußeren Einflüsse beeinflussen. Aber wie unglaublich anstrengend und nervenaufreibend ist es, wenn wir uns am Strand/am See/sonstwo ausziehen, im Badedress zeigen – und uns die ganze Zeit fragen, was andere wohl über uns denken und wie sie uns sehen. Wie schrecklich ist es, wenn der Einkauf zur Tortur wird, weil wir uns in den fies ausgeleuchteten Umkleidekabinen nicht wohlfühlen und hart ins Gericht mit uns gehen? Wie furchtbar ist es, wenn der Morgen vor dem Spiegel zum Horror wird, weil wir unser Gesicht analysieren und bewerten… und uns trotz vieler OPs und Eingriffe noch immer nicht vollkommen fühlen?

Ich weiß nur, dass wir noch nie in der Geschichte so vielen bearbeiteten, auf schön getrimmten Bildern ausgesetzt waren wie heute. Sie alle zeigen das Ideal einer Frau, die es in dieser Form gar nicht allzu oft gibt. Wir öffnen Instagram und sehen all die perfekten Frauen: perfekt gestylt, perfekt geschminkt, perfekt geföhnt hüpfen sie auf ihren Yogamatten herum und strahlen dabei noch. Mir kommt das Video eines Victoria’s-Secret-Models in den Sinn, das ich auf Youtube gesehen habe. Dort zeigte die Frau, wie sie verschiedene Körner auf ein Backblech wirft und das Blech in den Ofen schiebt. Nachdem die Körner zu einer Art fester Masse geworden sind, holt sie sie aus dem Ofen, isst davon und schreit in die Kamera: „It´s so deliciou!“. Mag ja sein – aber was suggeriert uns dieses Video? Wir haben verdammt nochmal glücklich zu sein, wenn wir kaum etwas essen und uns jeden Tag selbst foltern? Nein danke.

An Taryn Brumfitts Film hat mich besonders beeindruckt, dass er die wesentlichen Fragen verhandelt. In unserer Gesellschaft spielt es die größte Rolle, perfekt zu sein. Aber spielt es auch eine große Rolle, gesund zu sein? Einen starken Körper zu haben, ein individuelles Gesicht – eines mit Ecken und Kanten? Ein Selbstwertgefühl zu haben, das uns durchs Leben trägt? Ja: In unserem Bewusstsein ändert sich gerade einiges. Alleine durch die Revolution des intuitiven Essens entwickelt sich gerade in dieser Sparte vieles. Schließlich macht es keinen Sinn, jedes Jahr etliche Diäten auszuprobieren, immer wieder zu scheitern und uns anschließend schlecht zu fühlen. Wenn wir aufhören, uns ständig etwas zu verbieten, und stattdessen ohne schlechtes Gewissen, aber mit vollem Genuss Lebensmittel konsumieren, ist das vielleicht der Beginn einer Reise in die Freiheit.

Mit Erschrecken sehe ich junge Mädchen mit dicken Augenbrauen, aufgespritzten Lippen, bearbeiteten hohen Wangenknochen, künstlichen dichten Wimpern, künstlichen langen Haaren und ebensolchen Fingernägeln – die Liste ließe sich beliebig fortführen. Wann genau haben wir aufgehört, Gesichter mit Ecken und Kanten, mit einer eigenen Aussage zu lieben und haben stattdessen begonnen, Barbiepuppen mit exakt gleichen Gesichtern zu vergöttern? Klar, die Aussage ist überspitzt, sie bietet nur die halbe Wahrheit und sorgt für Diskussionsstoff.

Ich stehe Schönheits-OPs sehr offen gegenüber. Why not? Aber ich habe meine Zweifel daran, dass maßvoll mit all diesen Eingriffen umgegangen wird. Ich habe auch Zweifel an dem Gefühl, das die Menschen, die diese Eingriffe vornehmen lassen, damit verbinden. Man sieht Gesichter, die anderen eins zu eins gleichen, die keinen Spielraum für Individualität lassen – und ich frage mich, ob das wirklich schön ist.

Ich liebe es, in frische, strahlende Gesichter zu schauen. In individuelle Gesichter! Schönheit – wie auch immer wir sie definieren – beginnt mit unserer Persönlichkeit: mit dem, was wir von uns preisgeben und damit, wie wir uns definieren. Doch wie finden wir uns in einer Welt, in der uns von außen so vieles vorgegeben wird? In der wir – und damit meine ich Männer ebenso wie Frauen – das Gefühl haben, ständig neue Erwartungen erfüllen zu müssen. Die Frage, was wir selbst wollen, geht dabei völlig unter. Lieben wir unser Leben wirklich? Sind wir glücklich und in Harmonie mit dem, was wir tun und was wir sein wollen? Wo gibt es Frauen, die wirklich zu sich stehen, die von innen heraus strahlen, die authentisch mit sich und ihrer Umwelt umgehen. Die nicht ständig das Gefühl haben, anderen gefallen zu müssen. All diese Fragen stelle ich mir sehr oft.

Ja, es gibt OPs, die wir brauchen, um uns tatsächlich schöner zu fühlen – sei es die Verkleinerung der zu groß geratenen Nase oder die langersehnten größeren oder kleineren Brüste. All diese OPs sind nicht nur völlig legitim, für viele sie sind ein wahrer Segen. Die Message des Films „Embrace“ war übrigens überragend und berührend zugleich. Letztlich geht es darum, dass die Liebe zum eigenen Körper und sich selbst eine lebenslange Reise ist. Die mal besser, mal schlechter gelingt. Und auch das ist nicht wirklich schlimm (wir essen ja auch nicht jeden Tag Spaghetti😊 ).

Ich weiß ganz genau, wieviel Mut es dafür braucht – und wieviel Gefühl für sich selbst. Wahrscheinlich auch eine große Portion Humor. Und vielleicht finden wir in diesem Blog einige Antworten darauf. Gemeinsam: als starke Frauen!

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