Ich bin wegen meines Mannes nach Freiburg gezogen. Liebe auf den ersten Blick war es mit Sicherheit nicht mit dieser Stadt. Auf den zweiten auch nicht. Sagen wir so: nach zehn Jahren habe ich Frieden mit dieser Stadt geschlossen und wir haben eine gute Bekanntschaft, aus der sich langsam aber sicher eine Freundschaft entwickeln könnte. Liebe wird es sicherlich niemals werden. Aber da ich der Meinung bin, dass eine gute Ehe auf einer soliden Freundschaft basiert, sehe ich unsere Beziehung sogar positiv.

Wenn mich ein Zugezogener fragen würde, was denn die Eigenheiten und Besonderheiten der Stadt sind, so würde ich sofort an drei Dinge denken: Green City, Fahrradfahrer, denen die Stadt gehört, und Menschen mit einem eigenwilligen Kleidungsstil. Moment mal, dann passe ich doch hierher, das mit dem eigenwilligen Kleidungsstil wird mir ja auch immer nachgesagt. 😊

Aber die Stadt, die als das Tor zum Schwarzwald gilt, ist so vieles mehr…. Und diesem Mehr möchte ich mich in den folgenden Zeilen widmen. Was macht diese Stadt aus? Wo liegt ihr Potenzial? Was kann verbessert werden? Welche Strukturen müssen aufgebrochen werden? Wieviel Neues lässt diese Stadt zu?

Wer mich ein bisschen kennt weiß, dass ich eine Frau der klaren Worte bin. Ich diskutiere gerne und leidenschaftlich. Bin aber auch offen, wenn ich mich verrannt habe und auf dem Holzweg unterwegs bin.

Doch nun zu Freiburg mit all seinen Licht- und Schattenseiten.

Wahrscheinlich würde es in sehr wenigen Städten Deutschlands funktionieren, dass der Oberbürgermeister der Stadt während einer Pandemie vier Wochen in Elternzeit geht und dafür auch noch bejubelt wird, besonders von meiner Generation. Oder in wie vielen Städten Deutschlands gibt es einen komplett autofreien Stadtteil? Eltern, die sich gegen das Impfen auflehnen und Masernpartys feiern? Okay, das gibt es laut Medien auch in anderen Städten.  

In Puncto Green City ist Freiburg seiner Zeit weit voraus. In der Stadt der Bächle machten sich viele grüne Köpfe Gedanken über Umweltschutz und Nachhaltigkeit, lange bevor es auch im Rest Deutschlands cool und hip war. Ich frage mich aber immer wieder, ob wir gut damit bedient sind, dass der Ton immer rauer wird und die grüne Agenda sich zunehmend über Verbote und schärfere Regeln Gehör verschaffen will.

Doch zurück zu dem Charme Freiburgs, dessen große Stärke mit Sicherheit ein großes Maß an Stabilität ist. Ein erlauchter Kreis alteingesessener Unternehmer der Seinesgleichen sucht und sich gemeinsam im Glanz vergangener Tage ahlt. Wer durch die Stadt fährt, am besten natürlich mit dem Rad, wird eine Stadt voller Gegensätze erleben. Eine Stadt, die Toleranz erwartet, sie aber umgekehrt nicht immer jedem entgegenbringt.

Ein gutes Beispiel ist der Platz der alten Synagoge, vor nicht allzu langer Zeit superschön umgestaltet. Hier scheiden sich jedoch die Geister und die Meinungen gehen extrem weit auseinander. Fragt man die Ur-Freiburger, so ist der Platz nur ein weiterer Schandfleck, der sich einreiht in das zuweilen chaotische Management dieser Stadt. Leider gab‘s Probleme mit den Bodenplatten, aber gut, darüber sehen wir hinweg. Ist der Platz der alten Synagoge ein würdiges Mahnmal, um den vielen jüdischen Menschen zu gedenken, die im Nationalsozialismus ihr Leben lassen mussten? Ein Platz, der einerseits an Gräueltaten erinnern soll und anderseits ein Ort der Begegnung sein soll, an dem sich Menschen treffen, um Eis zu essen, um abends zu feiern oder um sich im Sommer an Wasserfontänen zu erfrischen. Aber Vorsicht, das Baden im heiligen Wasser ist nicht erlaubt, also dort, wo einst die Synagoge stand und nun eine Wasseroberfläche an die Umrisse der Synagoge erinnern soll. Nun fühlen sich die ein oder anderen Freiburger*innen berufen, die badenden Kinder auch immer wieder daran zu erinnern und fordern ein Verbot für das Betreten der Wasserfläche. Hätte man nicht vorher bedenken können, dass eine derartige Architektur in heißen Sommern dazu verleitet, sich im kühlen Nass abzukühlen?

Ein Gast von mir meinte, er verstehe das gar nicht…. Wenn fröhliches Kinderlachen ertönt, so wird doch gerade dieser besondere Platz mit neuem Leben gefüllt. Wie Recht er hat und wie starr doch die Regeln und Leitlinien unserer Gesellschaft nach wie vor sind. Freiburg wäre aber nicht Freiburg, wenn es nicht genügend Menschen und Freigeister gäbe, die die Regel nicht ganz so ernst nehmen. Das wiederum macht die Stadt und die Menschen, die hier leben, vielleicht oder gerade deshalb so sympathisch.

Ein weiterer Magnet ist sicherlich das Freiburger Quartier Vauban. Ein Vorzeigeprojekt und die Idee einer autofreien Kommune. Ich höre jetzt schon das Geschrei… NEIN, das ist keine Kommune. Also gut, dann halt nicht. Diese ist geprägt von Offenheit und der Green City Agenda. Eigentlich ein unglaublich geniales Projekt. Wir werden mit Sicherheit in 30 Jahren kaum noch Autos in Innenstädten sehen und wenn, dann höchstens selbst fahrende Fahrzeuge mit emissionsfreiem Antrieb. Und wie ist es denn so mit der Offenheit dieses Stadtteils? Hmm… Solange man in Birkenstock und Ökoklamotten mitziehen kann, sind die Mitmenschen sehr offen. Wenn man sich eher nicht an die vorgeschriebenen Leitlinien hält, dann stößt die Toleranz der Bewohner an ihre Grenzen. Eine Stadt, in der ein OB über eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 30 km pro Stunde nachdenkt, zeigt doch viel über die Seele dieser Stadt. Ich plädiere sogar vehement für eine autofreie Stadt. Aber eine flächendeckende Tempo-30-Zone ist mit Sicherheit nicht der richtige Ansatz.

Grundsätzlich geprägt ist die Green City Freiburg durch einen Öko-Kult, der durchaus Sinn macht und einmalig ist in Deutschland, vielleicht sogar weltweit. Nicht umsonst reisen Menschen aus der ganzen Welt nach Freiburg, auch um sich Stadtteile wie Vauban anzusehen und sie sich zu Vorbild zu nehmen.  

Das grüne Tor zum Schwarzwald, die vielen Parks, die Dreisam und der Kult immer draußen sein zu müssen, ist etwas, das ich an der Stadt sehr schätze. Hippe Cafés und coole Hipster sucht man hier etwas länger… Findet man sie überhaupt? Egal. Kinder in dieser Stadt zu erziehen und groß werden lassen zu dürfen, ist ein klarer Vorteil von Freiburg. Selten habe ich so viele schmutzige und glückliche Kinder erleben dürfen, wie hier in unserem beschaulichen Freiburg. In Verbindung mit der Natur zu leben, schätze ich sehr und daran hat das Lebensgefühl in Freiburg mit Sicherheit einen großen Anteil.

Coole Labels wird man hier kaum finden, aber die Frage ist, wer sie überhaupt sucht in dieser eher alternativen Stadt? Wenn ich meinen Sohn in die Kita, Kindergarten oder in die Schule gebracht habe und heute noch bringe, habe ich mich oft gefragt, warum es Frauen und Männer gibt, die offensichtlich keine Bürste zu Hause haben. Ich habe mich oft wie eine Außerirdische gefühlt und wurde auch so behandelt. Understatement… Auch eine Sprache dieser Stadt, die mir durchaus gefällt, an die ich mich aber auch immer noch gewöhnen muss…

Eingedrehte Haare, rote Lippen und manikürte Nägel? Ähm. Nein, danke.

Diese Stadt ist so uncool, dass es schon wieder fast cool ist. Und das meine ich durchaus mit einem Augenzwinkern. Wer in dieser Stadt lebt, muss sich auf sie einlassen. Mit ihr leben statt an ihr vorbei. Wer die große weite Welt sucht, ist in Freiburg sicherlich nicht am richtigen Ort. Bodenständigkeit und Naturverbundenheit sind wohl eher die Attribute, die die Menschen hier antreiben. Manchmal wundere ich mich, dass sich Menschen aus Berlin, Hamburg, Köln oder München nach Freiburg verirren. Wenn ich mit ihnen spreche, höre ich oft die Wehmut heraus. Doch zurückgehen, wollen die wenigsten. Sehnsucht nach der Ferne verspüren sie aber alle. Inklusive mir. Ich glaube Menschen wie mir tut diese Stadt gut. Sie erdet mich. Aber die Dosis ist entscheidend. Ab und an sehne ich mich nach gestylten Menschen um mich herum, nach stylischen Cafés mit angesagten Getränken. Wenn ich dann zurückkomme, genieße ich die Gleichgültigkeit der Menschen gegenüber hippen und coolen Dingen noch mehr. Was nicht heißt, dass es hier keine hippen und coolen Leute gibt. Wir sind uns aber einig, dass die Dichte dieser Menschen in anderen Städten deutlich höher ist.

Ist das denn wichtig, fragt sich jetzt der ein oder andere? Nein. Genau das ist es wohl nicht. Weil die Essenz dieser Stadt eine andere ist.

Ich liebe es, hier meinen Sohn aufwachsen zu sehen. In einer kleinen Oase, die ihm Wurzeln gibt, bevor er dann seinen eigenen Platz in der Welt finden wird. Vielleicht ist das ja Freiburg.   Wie lautet nun mein Fazit? Ich werde wohl niemals eine aufrichtige Bewunderin dieser Stadt werden, ganz im Gegensatz zu meinem Mann, der diese Stadt von ganzem Herzen liebt, nicht nur wegen seines SC Freiburg. Ob die Stadt meine Heimat ist? Ein ganz klares Nein. Und das muss sie auch nicht werden.

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